Geschichte des Ortes

Das Haus Leistikowstraße 1 in Potsdam (ehemalige Mirbachstraße 1) wurde 1916 vom Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein (EKH) errichtet. Bis 1945 beherbergte es die Verwaltungsräume der vom EKH gegründeten „Evangelischen Frauenhilfe – Gesamtverein e.V.“, seit 1933 Reichsfrauenhilfe, die Dienst- und Wohnräume des leitenden Pfarrers, die Wohnräume der Vikarin sowie die Redaktion der evangelischen Zeitung „Der Bote“.

Nach der Potsdamer Konferenz wurde das Pfarrhaus im August 1945 wie alle anderen in diesem Teil der Nauener Vorstadt liegenden mehr als 100 Häuser und Liegenschaften von der sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) requiriert und zum Sperrgebiet „Militärstädtchen Nr. 7“ umgewandelt.

Die sowjetische Spionageabwehr SMERSCH baute das Haus Leistikowstraße 1 zum zentralen Untersuchungsgefängnis um. Im Keller, im Erdgeschoss und im Ostflügel der ersten Etage entstanden 36 Haftzellen. Durchgänge und Fenster wurden bis auf schmale Öffnungsschlitze zugemauert. Massives Eisen vergitterte verbliebene Fensteröffnungen. Sichtblenden machten jegliche Kontaktaufnahmen mit der Außenwelt unmöglich.

Im Untersuchungsgefängnis waren bis Mitte der 50er Jahre nach bisherigen Schätzungen zwischen 900 bis 1200 Menschen inhaftiert, für die Zeit danach fehlen bisher Quellen und Anhaltspunkte über Häftlingszahlen. Unter den Insassen befanden sich Frauen, Männer und Jugendliche. Der Militärgeheimdienst hielt zunächst Deutsche und Sowjetbürger fest, ab 1954 bis 1983 ausschließlich sowjetische Militärangehörige. Nur vergleichsweise wenige Inhaftierte sind namentlich bekannt. Die Forschungsliteratur dokumentiert bisher 60 Schicksale von Deutschen und 10 Schicksale von Sowjetbürgern.

Die Untersuchungshäftlinge wurden in der Leistikowstraße erkennungsdienstlich behandelt, oft monatelang verhört, teilweise misshandelt und durch ein sowjetisches Militärtribunal zu mehrjährigen Haftstrafen oder zum Tode verurteilt. Zahlreiche Einritzungen in deutscher und russischer Sprache, die an den Zellenwänden erhalten sind, spiegeln die Entrechtung, Isolation und psychische Belastung der Häftlinge in beklemmender Weise wieder.
Der sowjetische Geheimdienst überstellte die Inhaftierten nach ihrer Verurteilung entweder direkt in eines der berüchtigten Lager des Gulag in die Sowjetunion oder über eines der zehn in der sowjetischen Besatzungszone befindlichen Speziallager wie Torgau oder Sachsenhauen in den sowjetischen Lagerkosmos.

Das Gefängnisgebäude wurde seit Mitte der 80er Jahre als Materiallager genutzt. Nach dem Abzug der letzten russischen Truppen und Geheimdiensteinheiten im Jahr 1994 erhielt der EKH die Liegenschaft Leistikowstraße 1 zurück und machte es mit Unterstützung engagierter Bürger für die Öffentlichkeit zugänglich. 1997 informierte eine erste Ausstellung Besucher über die Geschichte des Ortes. Der EKH engagierte sich unterstützt von Memorial e.V. und dem 2003 gegründete Förderverein für die Errichtung einer Gedenkstätte.

Das Grundstück Leistikowstraße 1 wurde am 9. Dezember 2004 unter Denkmalschutz gestellt. Denkmalgeschützt ist nicht das Wohn- und Verwaltungsgebäude der Evangelischen Frauenhilfe, sondern das zentrale Untersuchungsgefängnis der sowjetischen militärischen Spionageabwehr mit den nahezu unveränderten authentischen Spuren der Nutzung als Haftstätte.

2006 fand ein begrenzt offener Realisierungswettbewerb für die Sanierung des historischen Gefängnisgebäudes und die Errichtung eines Besucherzentrums für eine künftige Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam statt. Das Preisgericht empfahl einstimmig den Entwurf des Münchner Architekten Wolfgang Brune zur Realisierung, die in den Jahren 2007 bis 2008 erfolgte. Der Bund, das Land Brandenburg, die EU, der EKH sowie die Ostdeutsche Sparkassenstiftung im Land Brandenburg stellten dafür die notwendigen Mittel bereit.

 

 

Abbildungen